Dienstag, 7. Juli 2015

Bis Dann-zig!

Das Ergebnis vorweg: Es ist sehr sehr Neiß hinter der Oder!

Der zweite Roadtrip durch Polen; über Stettin an der Ostsee entlang nach Danzig. Und weil Shila sich im Vorfeld die Grundregeln des Gesellschaftsspiels Skat aneignen konnte, Joachim im desolaten Gesundheitszustand trotzdem mitfährt, Tim im Vorfeld wieder einmal großartige Herbergen gefunden hatte und mit Reiseliteratur, Snacks und guter Musik das Mietauto schnell zum fünften Reisegenossen wird, kann es ab Abfahrt eigentlich nicht besser werden...
Dies soll sich bei Ankunft in Szczecin (Stettin) schlagartig ändern: "Bier, ich brauche jetzt unbedingt Bier!" Um Shila diesen Wunsch erfüllen zu können, braucht es aber erstmal eine Bank. Und als die ersten Zloty schließlich den Automaten verlassen, haben wir bereits die Fregatten im Hafen und die Hakenterasse passiert. Weil nach dem Krieg die baulichen Lücken des alten Stadtbilds eilig mit funktionalen Bauten gefüllt wurden, sucht man in Stettin vergeblich nach einem historischen Zentrum. Egal, wir machen die Künstlerkneipe Kanar zum Zentrum unserer ersten Skatrunde.

"Blitzkrieg", "keine Grenze", "Panzerfaust" und "Pergamonmuseum"...der Wortschatz des Taxifahrers, der uns in die Fress- und Ausgehmeile fährt, ist abwechslungsreich. Ich revanchiere mich und wünsche ihm auf Polnisch "einen leckeren Blumenkohl". Dann bezahle ich. Die Skatrunde findet an diesem Abend noch mehrere Verlierer, wir die Schwester von Luis Suarez und der letzte Taxifahrer schließlich unsere Herberge.

Tag 2 beginnt mit einem frühen Mittagessen in einem polnischen Restaurant am Straßenrand. Man(n) stärkt sich für die Weiterfahrt. Frau hingegen entwickelt im Stillen die Spielregeln für SSDS (Shila-sucht-den-Superstorch). Die männlichen Reisegenossen haben es in dieser Hinsicht einfacher: Da die Diskrepanz zwischen der Schönheit Männer und der der Frauen sehr ausgeprägt ist, wird - in Anlehnung an Pep Guardiola - fortan nur noch unterschieden in: Eine super Frau, eine super-super Frau, eine super-super-super Frau, ich möchte tausend dieser Frauen haben. [Und sie auf die Ersatzbank setzen].

Angekommen in Kolberg (Kolobrzeg) sehen wir vor lauter Bäumen den Strand nicht. Auf der Fußgängerpromenade flanieren wir Richtung Wasser und die jodhaltige Seeluft entfaltet ihre Wirkung: Auch bei Shila kehrt der Appetit wieder. Auf dem weißen, feinkörnige Sand reihen sich Strandmuscheln, Windfänger und Strandkörbe dicht an dicht aneinander. Das Rauschen des Meeres und die Klänge der Freiluftmusiker sowie der Beat von Radio Fama bringt uns dann in ein kleines Fischerdörfchen, mit dem Namen Lazy. Wir können nicht anders. Weiterfahrt unmöglich. Daher aussteigen und kurz an den Strand. Lazy ist wortwörtlich eine Sackgasse und so raffen wir uns auf, um weiter nach Rügenwald (Darlowo) zu fahren, wo die berühmte Teewurst ihren Siegeszug gen Deutschland startete. Ein wunderschönes Örtchen.


Wer Polen kennen lernen möchte, muss weiter fahren als zum Polen-Bazar hinter der Grenze von Frankfurt Oder. Und wir erreichen am Abend Danzig.

5 Minuten im Badezimmer reichen Shila locker aus, um die erste Nacht in Angriff nehmen zu können. Wir treffen Magda am Neptunbrunnen und sie führt durch die historischen Ecken der Hansestadt, der es erlaubt sein sollte, als erste Stadt mit doppelter Staatsbürgerschaft werben zu dürfen. Die Fassaden der prächtigen Kaufmannshäuser sind beeindruckend. Selbiges gilt für die weiblich dominierte Kundschaft in den Cafés und Kneipen, die sich für das Wochenende in Schale geworfen haben. „Jungs, bekommt mal eure Blicke in den Griff“ zischt Shila und lenkt unsere Augen  auf die größte Kirche der Welt* (*in der Kategorie: Backsteinkirchen, erbaut zwischen dem 13.-15. Jahrhundert, katholisch). Magda stattet uns noch mit Ausgehtipps aus und lädt uns zum gemeinsamen Fußball schauen (Polen – Georgien) in einem modernen asiatischen Restaurant ein. Dann muss sie nach Hause.


Wir wechseln schnell das Restaurant und tauschen trash-touristisch in polnisch-rustikal. Bei Bier und Skat schmieden wir Pläne für den nächsten Tag: Ausschlafen, Frühstücken (Mittagessen), Kirchturm besteigen, Günther Grass-Ausstellung, am Wasser Eis essen, durch die Stadt schlendern, das Europäische Zentrum der Solidarność besuchen, Magda zum Fußball treffen. Klingt nach einem perfekten Programm für morgen, doch der Abend ist ja längst nicht zu Ende.
Wir fragen uns zum Café Absinthe durch, offenbar die heißeste Aktie im Danziger Nachtleben. Der DJ hat gewisse Ähnlichkeit mit MC Fitti und beschallt den relativen kleinen Raum, der hoffnungslos überfüllt ist. Bis zum Sonnenaufgang tanzt man daher auch auf den Tischen.

Der erste Punkt „Ausschlafen“ stellt sich als relativ leicht machbar heraus, dauert nur etwas länger als angepeilt. Wir müssen das Programm anpassen. Schnell sind wir uns einig: „Wir sind in Polen, wir müssen unbedingt das asiatische Restaurant verhindern!“ und frühstücken Knedel, Frittky, Ryba, und Kapusta, um anschließend die 400 Stufen des Kirchturms zu erklimmen.

Schmuckkästchen Danzig. Nach dem Zweiten Weltkrieg total zerstört, dann wieder aufgebaut und rekonstruiert und spätestens seit dem Beitritt zur Europäischen Union strahlen die Fassaden goldverziert in allen möglichen Farben. Von oben erkennen wir die Giebelhäuserzeilen, in deren Gassen sich nachts betrunkene Burschen wortlos schlägern und tagsüber Schmuck und Bernstein angeboten wird.



Wir verlassen das touristische Stadtzentrum und gehen ein paar Minuten in Richtung der rostigen Kräne der ehemaligen Lenin-Werft. Hier entflammte im Sommer 1980 die regimekritische Streik-Bewegung Solidarność. In dem interaktiven und vollnavigierten Museum führt uns der Audioguide durch die Geschichte der Solidarność-Bewegung und stellt dar, wie ihr Anführer Lech Wałęsa (nicht Walesa) und seinen Werftkollegen den polnischen und schließlich den europäischen Kampf um die Wiedergewinnung der Freiheit geprägt hat. 

Beim wortwörtlichen 3-Gänge Menü ist vor dem Gang nach dem Gang. Polens Sieg über Georgien feiern wir bei der Vorspeise in einem kleinen Diner. Danach gehen wir zur Hauptspeise in einen Laden, der in Deutschland unter dem Namen „Tolle-Knolle“ auftauchen würde. Dort treffen wir auch Magda wieder, die uns Nachtisch mitbringt und darauf besteht, dass wir das nächste Mal länger in Danzig weilen! Sie würde lieber mit uns feiern gehen, als am Schreibtisch Examen ihrer Schüler zu korrigieren.

Hingegen hat sich ein möglicher Schüler von ihr wohl etwas zu sehr über das Fußballspiel gefreut und hält ein Nickerchen auf unserem Tisch. Wir versprechen seinem Freund, dass wir uns, solange wir da sind, um ihn kümmern werden. Das tun wir auch bis sein Magen entscheidet: Vollräumung - alles muss raus. Er wird in aller Seelenruhe vor die Tür gesetzt. Als wir die Kneipe verlassen, rutscht er gerade vom Stuhl. Er hat Glück: Meine Hand findet reaktionsschnell den Weg zwischen Kopf und Bordsteinkante.  Mit der „lebensrettende Tat“ imponieren wir im Café Absinthe; dem Geretteten wird der Schädel nach dem Aufwachen so oder so höllisch wehtun.

Kopfschmerzen bereitet uns am nächsten Tag auch ein Radrennen, das uns in die wohnlichen Viertel von Danzig zwingt, ehe wir die Autobahn erreichen. Dann ist aber Bleifuß angesagt; der Asphalt brennt (Das Asphaltthermometer zeigt bis zu 60 Grad?!). Am Ende wird Joachim rechtzeitig zum Manu Chao Konzert zurück sein und ich* resümieren:
Polen ist ein super super super Land!
[*Und in diesem Falle gilt ausnahmsweise: wenn ich mich meine, spreche ich von uns…]. Die nächste Polenreise ist auf jeden Fall wieder angestrebt: Über Krakau, nach Warschau bis Danzig! Und mit mehr Zeit!

Bis Dann-zig, Richard